Ein Gespräch mit Franco Clivio

Ein Gespräch mit Franco Clivio

Der Produktdesigner Franco Clivio hat seine eigene Art, sich den Gegenständen zu nähern, die er gestaltet. Sie beginnt damit, genau hinzusehen. Und zu verstehen, wie etwas wirklich funktioniert.


Franco Clivio, Sie arbeiten schon viele Jahre mit Lamy zusammen. 2001 haben Sie den LAMY pico gestaltet, 2009 den LAMY dialog 3. Beide Schreibgeräte sind technisch aufwendig, im Gebrauch aber unkompliziert. Nehmen wir den LAMY pico. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Kugelschreiber für die Tasche zu entwerfen?
Franco Clivio: Dr. Manfred Lamy hat damals zu mir gesagt: „Clivio, machen Sie, was Sie wollen – aber bitte keinen Füller.“ Mir kam dann in den Sinn, einen Stift zum Skizzieren zu gestalten, und ich habe mich gefragt: Wie benutze ich eigentlich Schreibgeräte? Alle haben sie so einen Clip, um sie ins Jackett oder ins Hemd zu stecken. Aber das Problem ist doch: Ich steckemeine Stifte einfach in die Hosentasche. Und dann passiert immer dasselbe: Sie verkanten sich und stören mich. Stecke ich sie in die Seitentasche des Sakkos und will sie herausnehmen, ziehe ich das Futter mit heraus. Als mir das klar wurde, kam mir der Gedanke, den Stift auf ein Minimum zu reduzieren.

Gab es Vorbilder?
Ja, eines hatte ich auf dem Flohmarkt entdeckt. Da lag ein kleiner Stift in geschlossenem Zustand. Als ich ihn betrachtete, habe ich bemerkt, wenn ich hier ziehe, dann kommt vorne ein Teil raus, der Stift verlängert sich. Solche Stifte gab es um 1900, 1910 viele. Dieser Stift vom Flohmarkt kam mir plötzlich wieder in den Sinn, obwohl ich ihn längst vergessen hatte und er seit vielen Jahren bei mir irgendwo in einer Kiste lag. So einen Stift habe ich dann vorgeschlagen, was eine große Überraschung war, als ich das Konzept präsentiert habe. Alle waren perplex. Niemand bei Lamy hatte an so etwas gedacht.

Es braucht beim LAMY pico also weder Kappe noch Clip, weil sich die Technik komplett in den Stift integrieren lässt?
Beides braucht es nicht. Beim pico drücke ich einfach drauf und kann sofort anfangen zu schreiben. Für die Techniker war das eine enorme Herausforderung. Bei den ersten Prototypen musste man den Stift in die Hand nehmen und ziehen; danach musste man den Stift wieder zusammendrücken. Als ich das sah, habe ich gesagt: „Wenn es nicht anders geht, müssen wir das Produkt vergessen, dann ist der Witz weg.“ Am Ende haben sie es hinbekommen, dass sich der pico mit einer Hand bedienen lässt. Schreibgeräte sind Werkzeuge und sollten schon deshalb funktional sein.

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Von der Idee zum Produkt: Oben ist das Flohmarktfundstück zu sehen, das Clivio zum LAMY pico inspirierte.

Wie halten Sie es mit der Ästhetik?
Es kommt immer darauf an: Bei einem Herzschrittmacher möchte ich, dass er gut funktioniert. Vielleicht gibt es schon bald einen Herzschrittmacher von Gucci, aber ich werde ihn nicht kaufen. Ich will einen von Siemens, denn bei Gucci stammt die Technik dann auch von Siemens. Spaß beiseite, es gibt Dinge, die eine unglaubliche Ästhetik haben. Man sieht ihnen an, dass die Funktionalität optimal ausgereizt worden ist. Nehmen Sie ein Sportboot für olympische Spiele oder einen Bogen zum Schießen, nehmen Sie einen Speer – es ist unglaublich, was für eine Ästhetik sie haben. Das führt uns zur Biologie, zur Natur. Ein Vogel ist ästhetisch perfekt, weil er fliegen können muss.

Macht Funktionalität allein ein Produkt schön?
Nein, es ist meine Interpretation, dass ein Produkt wie der pico so aussieht. Ein anderer Designer hätte es anders gestaltet. Mir kam es besonders auf den Aha-Effekt an – und der verdankt sich der Funktion. Wissen Sie, weshalb die Kunststoffhülse, die beim Öffnen des Stifts am oberen Ende sichtbar wird, nicht glatt ist? Sie hat, wenn Sie genau hinsehen, ein Mäandermuster.

Wegen der besseren Führung?
Nein, es braucht keine Führung. Da spielt die Erfahrung des Designers eine Rolle: Wäre die Hülse glatt, würde sich an dieser Stelle Schmutz ansammeln – und mit der Zeit würde die Hülse beim ständigen Raus- und Reinfahren verkratzen. Die Riffelung verhindert das. Und damit die Hülse spiegelt, sind die Mäander oben matt und in der Tiefe poliert. So etwas kann nur eine Firma wie Lamy machen.

Hatten Sie schon immer Freude an feinmechanischen Lösungen?
Ja. Ich habe nie Möbel gestaltet in meinem Leben. Würde es nach den Designern gehen, die Möbel machen, müssten sie zweimal im Jahr den ganzen Hausrat entsorgen, weil sie ja neue Stühle machen müssen. Das hat mich nie interessiert, ich wollte keine modischen Produkte machen, sondern funktionale.

Sie besitzen eine wunderbare Sammlung anonym gestalteter Dinge. Lassen Sie sich von diesen inspirieren?
Das wichtigste Organ des Gestalters sind die Augen. Wenn ich etwas sehe, muss ich sofort feststellen, ob es intelligente Lösungen enthält, ob es etwas gibt, was mich daran fasziniert. Nehmen Sie den Regenschirm, ein fantastisches Objekt, das es seit mehreren tausend Jahren gibt. Zusammengeklappt ist er klein, wenn ich ihn brauche, wird er groß – und das funktioniert immer nach demselben Prinzip. Das sind Gegebenheiten, an denen man als Designer nicht vorbeikann. Das lernt man, wenn man die Geschichte kennt und sieht, wie alles zusammenhängt.

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Franco Clivio erläutert die Funktionsweise des Drehfüllhalters LAMY dialog 3

Haben Sie das während Ihres Studiums an der Hochschule für Gestaltung in Ulm gelernt?
In Ulm wurden immer praktische Fragen gestellt, Dinge genau analysiert und studiert. Wir haben sogar Objekte in alle Einzelteile zerlegt, um herauszufinden, ob es kein Teil zu viel in ihnen gibt. Bis heute ist es so: Das Wichtigste spielt sich im Kopf ab, bevor ich einen Entwurf mache. Mein Kopf ist dann so eingestellt, dass ich Dinge plötzlich anders anschaue, sie genauer sehe. Und plötzlich ist Lamy da – und die schönste Aufgabe, die ich in meinem Leben bekommen habe.

Hat Ihre Sammlung anonymen Designs auch geholfen, als Sie den LAMY dialog 3 entwickelt haben?
Weniger. Im Jahr 1967 habe ich in Mailand gearbeitet – mit Tomás Maldonado bei Rinascente. Als ich in Mailand ankam, sind wir um die Ecke in einen Papeterie-Laden gegangen, und dort habe ich einen Füllfederhalter gekauft – den habe ich heute noch –, bei dem man hinten drückt und dann vorne die Feder herauskommt.

Hat Lamy Ihnen wie beim LAMY pico wieder freie Hand gelassen?
Nein, dieses Mal gab es eine ganz klare Aufgabe. Dr. Manfred Lamy sagte: „Clivio, ich möchte einen kappenlosen Füllfederhalter mit versenkbarer Feder.“ Und daraus ist dann der dialog 3 entstanden, als der weltweit erste kappenlose Füllfederhalter, der auch den Clip einzieht.

War die Zusammenarbeit mit den Lamy-Technikern auch beim LAMY dialog 3 so eng wie beim LAMY pico?
Ich arbeite gern mit den Technikern zusammen und zwar sehr gut. So war es zum Beispiel, wenn ich mich recht erinnere, mein Vorschlag, beim dialog 3 einen kugelförmigen Verschluss zu verwenden. Der schließt einfach besser als eine Klappe. Den dialog 3 zu gestalten, war eine wunderbare Aufgabe. Vom Prinzip her ist das für mich ein rundum gelungenes Re-Design. Man kann nicht immer der Erste sein. Wer hat den Füllfederhalter erfunden? War das ein Ingenieur? War das ein Techniker? War es ein Kaufmann? Es war ein Versicherungsmakler aus New York.

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Funktional und gestalterisch überzeugend: der kugelförmige Verschluss des LAMY dialog 3

Mit welchem Stift arbeiten Sie selbst gerne?
Ich besitze ein ziemliches Spektrum. Als Herr Lamy zu mir kam, habe ich eine Kiste hervorgeholt, in die ich Schreibgeräte, die ich irgendwo gefunden habe, hineingeworfen hatte. Später wurde dann herumerzählt, der Clivio hat ganze Eimer voller Schreibgeräte. In so einer Sammlung entdeckt man immer etwas. Ein Beispiel: Ich benutze manchmal einen Füllfederhalter von 1920, der ist jetzt fast 100 Jahre alt.

Sie schreiben also gern mit einem Füllfederhalter? Zeichnen Sie auch damit?
Ja, ich zeichne, ich arbeite nicht mit dem Computer, das ist einfacher für mich. Ich bin noch eine andere Generation. Müsste ich einen Stuhl entwerfen, bräuchte ich einen Bogen Papier, der so groß wäre wie der Stuhl. Ist die Zeichnung fertig, nehme ich das Papier und hefte es an die Wand – und dann sehe ich den Stuhl.

Wie ist Ihre Sammlung entstanden?
Ich habe immer gesammelt. Als ich 1980 nach Zürich gezogen bin, kam ich in ein El Dorado, weil es in der Schweiz sogenannte Brockenhäuser gibt, also Gebrauchtwarenläden. Und eines dieser städtischen Brockenhäuser lag in der Nähe der Schule, an der ich gearbeitet habe. Während die Kollegen in der Pause Kaffee trinken gingen, bin ich ins Brockenhaus gegangen.

Sammeln bedeutet für Sie aber mehr als Entdecken und Besitzen.
Ja. Es ist Teil meiner Arbeit. Ich habe zum Beispiel, wie das an Designschulen so üblich ist, zu den Studierenden gesagt: „So, jetzt gibt es eine fakultative Aufgabe. Es gibt keine Noten, und ich will nur diejenigen dabeihaben, die Interesse haben und das durchziehen.“ Denen, die geblieben sind, habe ich dann eine Aufgabe gestellt: Sie sollten einen Gegenstand kaufen, der zwei Franken gekostet hat – höchstens. Oder den sie irgendwo gefunden haben. Dann sollten sie erklären, was sie toll daran finden, wie er funktioniert, wozu er gemacht wurde und so weiter. Für mich als Lehrer bestand die Herausforderung darin: Ich musste etwas Besseres mitbringen. Das war für mich eine Sehschule.

Die Fragen stellte Thomas Wagner.

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