100 Jahre Bauhaus

100 Jahre Bauhaus

„Das Bauhaus war eine Idee, und ich glaube, dass die Ursache für den ungeheuren Einfluss, den das Bauhaus auf jede fortschrittliche Schule in der Welt gehabt hat, in der Tatsache zu suchen ist, dass es eine Idee war.“
– Mies van der Rohe

Das Bauhaus wird im kommenden Jahr hundert: 1919 in Weimar gegründet, 1925 nach Dessau umgezogen, 1932 zwangsweise geschlossen und 1933 in Berlin unter dem Druck der Nationalsozialisten endgültig aufgelöst, bestand es gerade einmal 14 Jahre. Dennoch wirkt der Ansatz der legendären Hochschule für Gestaltung bis in die Gegenwart fort – auch bei Lamy.

„Eine solche Resonanz kann man nicht mit Organisation erreichen und nicht mit Propaganda“, stellte einst Ludwig Mies van der Rohe fest, der dem Bauhaus von 1930 bis 1933 vorstand. „Nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten.“

Die Idee, die das Bauhaus trägt und prägt, hat viele Facetten. Vor allem zwei Dingen verdankt es bis heute seinen weltweit legendären Ruf: der Berufung herausragender, völlig unterschiedlicher Künstlerpersönlichkeiten, wie Johannes Itten, Wassily Kandinsky oder Paul Klee, und dem revolutionären Konzept einer ganzheitlichen, Grenzen überschreitenden Gestaltungslehre.

Sieht Walter Gropius im Bauhaus-Manifest von 1919 das Ziel aller bildnerischen Tätigkeit im Bau und plädiert für eine Einheit von Kunst und Handwerk, so wird das Postulat schon bald erweitert: Kunst und Technik sollen gleichermaßen der Gestaltung der Lebenspraxis dienen. Im Unterricht wird die Trennung zwischen „freier“ und „angewandter“ Kunst aufgehoben; die Wechselwirkungen zwischen beiden sollen fruchtbar gemacht werden.

Aus dem Künstler einen Gestalter zu machen, ist intern zwar umstritten. Ziel der Bauhäusler aber bleibt es, die soziale Verantwortung jeder Art von Gestaltung anzuerkennen. So rücken mit dem Bauhaus Kunst und Design vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. Es ist nicht nur Labor der Avantgarde der Moderne, sondern auch ein Vorläufer des modernen Industrie-Designs.

Die Idee, Kunst und Technik, Ästhetik und Funktion in Schreibgeräten zu vereinen, steht bei Lamy bis heute im Zentrum. „Der Weg zum Bauhaus“, berichtet Dr. Manfred Lamy, „ging über Braun. Ich besaß zu der Zeit ausschließlich Braun-Geräte, das war mir alles sehr nahe und entsprach einer ganz spontanen Zuneigung. Bauhaus, das ist für mich eine Kunst, die sich nützlich macht. Und da ich auf der Suche nach einem Designansatz war, war das Bauhaus natürlich ein Angebot.“

1
Dr. Manfred Lamy: „Der LAMY 2000 war ein neuer Typus, der im Vergleich zu den damals existierenden Produkten eine sehr moderne Form hatte.“

Als Dr. Manfred Lamy 1963 den Designer Gerd A. Müller kennenlernt, wird die spontane Zuneigung konkret: „Wir haben rasch ein gemeinsames Projekt definiert: einen Füllhalter in der Tradition des Bauhauses. Wir haben den Kontrast von Schwarz und Metall des Braun-Rasierers als Basis genommen. Zwischen Müllers Entwurfsmodell und dem ersten Produktionsmodell wurde nicht mehr viel geändert. Ich hatte damals einen sehr guten Konstrukteur, der sich gleich in das Modell verliebt hatte. Also konnten wir den Entwurf relativ schnell umsetzen.“

In der Tat bringt Lamy 1966 mit dem LAMY 2000 ein Schreibgerät auf den Markt, das nicht länger nostalgisch, sondern in jeder Hinsicht modern auftritt. Konsequent folgt der Gestaltungsanspruch dem auch am Bauhaus geltenden Prinzip „form follows function“. Die sachliche Form ist allein vom Gebrauchsnutzen bestimmt, und die Materialkombination aus matt gebürstetem Edelstahl und dem damals recht neuen Werkstoff Makrolon unterstreicht die moderne Anmutung.

Mit seiner konsequent reduzierten Gestaltung definiert der LAMY 2000 den Füllhalter völlig neu. Zugleich markiert er den Beginn einer Erfolgsgeschichte, die auf zentralen Ideen und Ansätzen des Bauhauses aufbaut. Vom LAMY 2000 angeregt, hat Lamy in der Folge eine eigene Designphilosophie entwickelt, die bis heute Bestand hat. So sind in den vergangenen 50 Jahren – in Zusammenarbeit mit Gestaltern, wie Mario Bellini, Franco Clivio, Naoto Fukasawa und Jasper Morrison – Schreibgeräte entstanden, die alle verschieden und doch unverkennbar Lamys sind.

1
Erbaut im Sinne der Bauhaus-Philosophie: das Lamy-Entwicklungszentrum

Sind es am Bauhaus Meister des Handwerks und visionäre Impulsgeber, die sich gegenseitig bereichern, so sind es bei Lamy erfahrene Techniker und international bekannte Designer, die im Designprozess erfolgreich zusammenarbeiten. Und wie am Bauhaus gezeigt wurde, dass Stil so vielfältig ist wie diejenigen, die ihn schaffen, ist bei Lamy aus dem Geist der Moderne ein faszinierendes Mit- und Nebeneinander individueller Produkte entstanden – „moderne Archetypen eines klassischen Schreibgeräts“, wie der Designer Michael Sieger sie nennt.

Text: Thomas Wagner

Teilen
Ein Gespräch mit Franco Clivio
Nächster Artikel

Ein Gespräch mit Franco Clivio