Ein Gespräch mit Naoto Fukawasa

Ein Gespräch mit Naoto Fukawasa

Wie entsteht gutes Design? Dieser vermeintlich einfachen Frage spürt die Ausstellung „thinking tools“ nach. Designer Naoto Fukasawa hat darauf ganz eigene Antworten gefunden – und die wiederum haben viel damit zu tun, die richtigen Fragen zu stellen.

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Naoto Fukasawa ist Mitbegründer und -direktor des 21_21 Design Sight.

Herr Fukasawa, Sie haben einmal gesagt, dass gutes Design eine Verbindung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung herstellt. Können Sie erklären, was Sie genau damit meinen?

Wir können Gegenstände nicht einfach nur für sich allein genommen betrachten,denn um sie herum findet Leben statt, und das meine ich mit „Umgebung“. Das Design sollte sich nicht nur auf die Gegenstände selbst beziehen, sondern auch auf alle Dinge, die sich im Raum befinden.

Vor genau 10 Jahren haben Sie für Lamy den LAMY noto entwickelt. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt, ein Schreibgerät zu gestalten, und wie war Ihre Herangehensweise?

Meiner Meinung nach ist Lamy eines der Unternehmen, das dem Bauhaus-Prinzip und der deutschen Designkultur folgt und diese vertritt, und ich war sehr daran interessiert, mit solch einem Unternehmen zusammenzuarbeiten. Der Lamy safari ist eines der größten Kultprodukte von Lamy, und ich kannte ihn schon seit vielen Jahren. Ich wusste, dass mein Designentwurf eine Art technisches Element beinhalten musste, da genau das Lamy in gewisser Weise ausmacht. Ich bin der Ansicht, dass Lamy auf seine technische Forschung und seine Innovationen stolz sein kann. Aber zugleich hat es mich gereizt, Lamy eine neue Identität zu geben, die sich von den klassischen bzw. traditionellen Schreibgeräten unterscheidet. Das war mein persönliches Ziel.

Bei der Entwicklung des LAMY noto hatten Sie die Idee, ein Schreibgerät „aus einem Stück“ zu gestalten. Was war die Inspiration dazu?

Als ich die neue charakteristische Dreiecksform für den LAMY noto kreierte, wollte ich diese Form nicht unterbrechen. Aber ich dachte, dass es aus Gründen der Funktionalität sehr natürlich aussieht, wenn der Clip in die Form integriert wird, anstatt ihn separat anzubringen. So kam ich ganz automatisch darauf, den Clip aus einer der Kanten dieses Dreiecksprofils
herauszuarbeiten.

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Nahtloser Übergang zwischen Clip und Korpus: der LAMY noto

Manche Gegenstände ändern im Laufe der Zeit ihre Bedeutung im Leben der Menschen. Schreibgeräte werden heute im Alltag weniger häufig gebraucht als noch vor zwanzig Jahren. Dafür hat das Schreiben von Hand einen anderen Stellenwert bekommen, ist eher eine Form von Luxus denn Alltag. Muss sich Design an solche Veränderungen anpassen?

Ich bin auch der Meinung, dass das Schreiben von Hand heute als wertvoller wahrgenommen wird, als es in der Vergangenheit der Fall war. In einigen Fällen werden einfache Einwegstifte verwendet, und manchmal verwenden Menschen auch ihre ganz persönlichen Schreibgeräte. Dies ist in gewisser Hinsicht vergleichbar damit, dass analoge Uhren nach der Einführung von Smartwatches nicht einfach verschwunden sind. Welches Medium in einer bestimmten Situation zum Einsatz kommt, hängt wirklich von ganz vielen Bedingungen ab.

Welchen Gegenstand würden Sie gerne noch designen?

Abgesehen von Autos, Gebäudeaufzügen und Rolltreppen gibt es nicht viel, was ich noch nicht designt habe. Ich denke, dass Formen bald verschwinden werden und dass Gegenstände in unsere Körper und Umwelt integriert werden. Ich bin heute immer mehr daran interessiert, einen Weg zu finden, wie man z. B. KI (Künstliche Intelligenz) und Nuancen der Umgebung übermitteln kann. Mich interessiert die Beziehung zwischen Dingen und Menschen. Abgesehen davon, habe ich schon viele Interieurs gestaltet, aber ich habe noch nie ein eigenes Haus von Grund auf neu gebaut, was ich aber sehr interessant fände. Für andere kann ich alles designen, aber wenn es um mich selbst geht, fällt es mir sehr schwer, Entscheidungen zu treffen. Aber irgendwie habe ich dieses seltsame Gefühl, dass ich lieber Fenster entwerfen würde anstatt komplette Häuser.

Die meisten Menschen haben eine klare Vorstellung davon, wie ein „typischer“ Toaster aussieht, eine „typische“ Wasserflasche oder ein „typischer“ Stuhl. Wie schwer ist es, sich von diesen gelernten Vorstellung zu lösen und einem alltäglichen Gegenstand – einen Toaster, eine Wasserflasche, einen Stuhl – eine neue Gestalt zu geben? Wie macht man etwas, das funktioniert, noch besser?

Es mag vielleicht komisch klingen, wenn man Stühle als „appetitlich“ („yummy“) anstatt als „bequem“ oder „schön“ bezeichnet, aber ich denke, dass dieses Wort genau das ausdrückt, worum es bei der Liebe zum Design geht. Manchmal verwenden wir auch Wörter wie „hinreißend“, um unsere Wertschätzung auszudrücken, aber in jedem Fall denke ich, dass gutes Design genau diese Wertschätzung bei uns auslösen sollte. Wenn das Design fast fertig ist, sollte man sich meiner Meinung nach deshalb die Frage stellen, ob es appetitlich oder hinreißend aussieht, denn so kann gutes Design zustande kommen.

Man hat den Eindruck, dass zeitgenössisches Design immer glatter wird. Alles wird auf Hochglanz poliert, Perfektion wird zum Selbstzweck. Geht dabei Ihrer Meinung nach etwas verloren? Oder: Wie schafft man die Brücke zwischen Design, das geradlinig und minimalistisch, aber nicht seelenlos ist?

Ich finde nicht, dass alles glatt und glänzend sein sollte. Designer sollten wirklich ihr Empfindungsvermögen einsetzen, um die Haptik von Materialien zu entwerfen. Anderenfalls werden Dinge sehr oberflächlich und sinnlos.

Ihre Herangehensweise an Design ist zweifellos sehr geprägt durch die japanische Kultur. Sie sind jedoch viel international unterwegs, verändert das die eigene Sicht auf Gestaltung?

Ich würde meine Herangehensweise an Design mit der Herstellung eines Fonds oder einer Brühe vergleichen. Wenn wir einen guten Fond zubereiten, hängen die Gewürze, die wir hinzufügen, von den unterschiedlichen Kulturen, Orten oder dem eigenen Geschmack ab. In der japanischen Kultur wird vor allem die Schönheit des „umami“ („Schmackhaftigkeit“) betont, und dieser Geschmack ist eigentlich sehr subtil. Aber heutzutage wird „umami“ von allen geliebt.

Sie sind für reduziertes, „leises“ Design bekannt, das nicht durch Spielereien auf sich aufmerksam macht, sondern – im Gegenteil – geradezu Anonymität anstrebt. Sind Sie nie versucht, auch mal laut zu sein?

Reduziertes Design bedeutet nicht, dass es nicht beachtet wird. In einem unruhigen Raum leise zu sein, kann sogar sehr hervorstechen. Aber ich bin nicht leise, um aufzufallen. Ich bin einfach nur nicht so sehr an solch unruhigen Umgebungen interessiert oder daran, laut zu sein, um aufzufallen. Also entwerfe ich kein reduziertes Design, um beachtet zu werden. Wenn von mir verlangt wird, ein lautes Design zu entwickeln, kann ich das zwar tun, aber es liegt nicht in meiner Natur.

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